Zurücklächeln. Lesefutter liest

Es ist Spätsommer, der 19. September 2010. Tag des Friedhofs in Köln.
Tag der offenen Tür, Publikumstag auf dem Friedhof Melaten der Genossenschaft der Kölner Friedhofsgärtner.

Kultur in diesem sensiblen Ambiente? Zurücklächeln ist die Devise und der Titel der Lesefutter-Lesung der beiden Autoren Armin Bings und Rich Schwab.

Zurückgelächelt, erfolgreich – Ein besonderer Tag der offenen Tür mit Literatur zu einem besonderen Thema.

2 Gedanken zu “Zurücklächeln. Lesefutter liest

  1. I
    Ob ich diesen Eintrag, dieses Ereignis nicht mal kommentieren wolle, wurde ich gefragt. Warum nicht, dachte ich. Und fange mal mit der Fragestellung an: „Kultur in diesem sensiblen Ambiente?“ Zugegeben, so ähnlich klang es in meinem Kopf auch, als mich via Lesefutter die Anfrage erreichte, auf dem altehrwürdigen Kölner Melatenfriedhof an einer Lesung teilzunehmen. So ähnlich, zumindest – natürlich hieß es bei mir nicht „Kultur“, sondern „ich“. So, wie die Frage oben formuliert ist, könnte man ja meinen, Kultur sei etwas Unsensibles. Andererseits verständlich, wenn mir gelegentlich mein allzu nervöser Zeigefinger auf der Fernbedienung enthüllt, was auf – für meinen Geschmack viel zu – vielen privaten Fernsehkanälen so als Kultur verkauft wird.
    Und nicht nur mir, leider. Denn ich könnte das ja weitgehend verkraften, im Gegensatz zu etlichen Millionen Zuschauern, die mir zunehmend den Eindruck machen, als hätten sie der schleichend zersetzenden Wirkung all dieses Schmodders anscheinend sehr viel weniger Widerstandskraft entgegenzusetzen: Ich habe ein dickes Fell und bin in einschlägigen Kreisen als schon eher abgebrüht bekannt. Umso erstaunlicher fand ich ja auch dieses Angebot. Ich, der ich nicht nur literarisch vor allem in der Abteilung Sex & Drugs & Rock’n’Roll zuhause bin, soll mich plötzlich in der Abteilung Pietät & Tod & Andacht tummeln?
    Darüber musste ich erst einmal nachdenken. Kam aber schnell zu dem Schluss, dass das alles ja gar nicht so weit auseinander liegt. Zum einen ist wohl ganz klar: Ohne Leben kein Tod, und ohne Sex kein Leben. Also auch: Ohne Sex kein Friedhof. Wer sollte da begraben liegen, ohne vorheriges Leben, also Sex, und wer sollte da vor den Gräbern stehen und trauern, wenn es im Leben der Verstorbenen keinen Sex gegeben hätte? Vom berühmten „kleinen Tod“ ganz zu schweigen. 1:0 dafür, das Angebot ernst, vielleicht sogar anzunehmen.
    Drogen und Rock’n’Roll sind seit jeher miteinander verbandelt – leider, wenn ich da so an einige der vielen viel zu jung weg- und abgetretenen Opfer denke. Womit wir direkt wieder beim Tod sind – 2:0. Und dass guter, gut gespielter Rock’n’Roll nur andächtig gespielter Rock’n’Roll sein kann, und dass Drogen, zumindest ihr einigermaßen kontrollierter Gebrauch, die Fähigkeit zur Andacht durchaus fördern können, wird sicher niemand bestreiten.
    Meine Droge war ja immer eher ein schlichtes, kühles Bier (na gut, oder auch zwei); mag sein, dass ich deshalb so viele meiner Musikerkollegen um Jahrzehnte überleben durfte (bringe allerdings auch von daher ein gutes Maß an Erfahrung mit Friedhöfen mit – 3:0?). Lassen wir jetzt auch mal dahingestellt sein, ob von meinen Platten mehr verkauft worden wären, posthum nämlich, wenn ich mich schon in jungen Jahren für andere Substanzen entschieden hätte. Können wir auch beruhigt vernachlässigen – deren Umsatz nach meinem Ableben wäre mir nämlich ziemlich wurscht. Ich würde mich wohl nicht einmal im Grabe herum drehen, wenn eine der zuständigen Plattenfirmen auf die Idee käme, sogar von „Lieb doch einfach mich“ noch einen Remix und davon noch die dritte oder vierte Remastered-Version unters Volk zu bringen – ein Volk schließlich, für das ich erst mit meinem Abgang interessant geworden bin. Schwamm drauf.
    Bliebe die Pietät. Aber was ist das überhaupt? Ich google und lerne: Pietät bedeutet Frömmigkeit, Respekt, Ehrfurcht, Pflichtgefühl. Oft, aber nicht zwingend, ist der Respekt den Toten gegenüber gemeint.

  2. II
    Na, da kann ich doch auch mithalten: Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut beim Anhören so manches Stücks von Jimi Hendrix oder Billie Holiday. Von Miles Davis, Janis Joplin oder Nick Drake. Oder wie sie alle heißen. Bin voller Respekt vor deren Fähigkeit, Saiten in mir zum Schwingen zu bringen, bis der eine Akkord entsteht, der eine, der singt: „Es ist gut.“ Es ist gut, wie es ist. Was immer an Nicht-Gutem sich auch oft genug dazwischen drängeln mag: Es ist schön zu leben.
    Aber warum ist es das? Weil wir wissen, dass es endlich ist.
    Die Vorstellung, ewig leben zu können, ist ja keine befreiende. Es wäre ja eher die Vorstellung, ewig leben zu müssen. Eine Vorstellung, die ungefähr so reizvoll ist wie die, zwar ein schlichtes, kühles Frischgezapftes zu schätzen, aber jeden Tag vier Hektoliter davon in sich hinein schütten zu müssen. Ekelhaft, quasi. Beängstigend.
    Womit wir auch endlich auf Melaten landen (jetzt nicht wegen der täglichen vier Hektoliter, sondern hier im Text).
    Nach diesem haushohen 4:0 melde ich mich bei Lesefutter und sage: Jau. Mach ich.
    Und erfahre erfreut, dass es sich bei meinem Mitleser um Armin Bings handelt (den ich seinerzeit übrigens auch durch das Projekt Lesefutter kennen gelernt habe) – dieser geschätzte Kollege könnte, mit seinem so sehr viel sanfteren, freundlicheren Wesen als meinem, auf einer solchen – na ja: sensiblen – Veranstaltung einen willkommenen Ausgleich schaffen, für den Fall, dass ich mich, was niemanden weiter überraschen würde, dann doch im Ton vergreife.
    Die Veranstaltung könne ein Motto vertragen, meint der Veranstalter. Ich erspare uns jetzt eine Aufzählung der mal mehr, mal weniger ernst gemeinten Alternativvorschläge („Do laachste disch kapott…“) – wir werden fündig bei Marc Aurel, vor gut zweitausend Jahren Kaiser des Römischen Reiches: „Der Tod lächelt uns alle an. Das einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln.“ Zurücklächeln, also.
    Wie man weiß, ist der Ursprung des Lächelns evolutionsgeschichtlich zurückzuführen auf eine Geste der Aggressivität: Einem potenziellen Gegner als Warnung die Zähne zeigen. Schon eher das Gebiet eines Autoren, in dessen drei Kriminalromanen Menschen auf teilweise recht unappetitliche, gewaltsame Weise ums Leben kommen.
    Dennoch gebe ich mir Mühe. Auf den ungefähr 25 Seiten, die für unsere Veranstaltung zu schreiben mein Part ist, geht es kaum um Sex, selten um Drogen, nur peripher um Gewalt und nur ab und zu um Rock’n’Roll; nicht zuletzt, weil ich ja auch damit rechne, auf dem Melatenfriedhof vor einem Publikum zu lesen, das mich wahrscheinlich für einen jungen Spund hält.
    Womit ich nur teilweise richtig liege – die Zuhörerschaft ist beim ersten Durchgang erfreulich gemischt, und erst beim zweiten überwiegen die älteren Damen. Und tatsächlich ist auch Andacht im Spiel: Sie alle lauschen mir, bei kühlem, aber erträglichen Wetter, höchst andächtig (auch dank einer erfreulich guten Verstärkeranlage). Ich erzähle von früher – sie nicken versonnen: Ja, so war das, damals. Ich serviere Nachdenkliches bis Berührendes – sie lassen sich berühren, seufzen und wischen sich verstohlen die Augenwinkel. Ich streue Heiteres ein – leise lachen sie, vielleicht sogar dankbar: Wir alle brauchen das Zurücklächeln.
    Am Ende erweisen sie mir sogar Respekt: Das sei wunderschön gewesen, sagt nicht nur eine Gerührte, und nicht nur eine von denen, die das sagen, ist längst nicht so alt, dass man sie für rührselig halten könnte.
    Dass sie Armin toll finden, ist eh klar.
    Auch die Veranstalter zeigen sich mehr als erfreut, und kurz nach der Veranstaltung werden wir gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, so etwas auch einmal in einem Hospiz zu machen. Ein voller Erfolg, also. Wer hätte das gedacht.
    Ich jedenfalls nicht.
    Man lernt doch nie aus.
    ’ne schöne Jrooß – Rich Schwab

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